Die Fülle der Einfachheit

Aktualisiert: Juni 9

Oder die Wohltat des einfachen Lebens


Eine meiner größten Erkenntnisse der letzten Wochen lautet: in der Einfachheit liegt die größte Fülle.

Das Leben hat mir diese Lektion auf eine unmittelbare und sehr kontrastreiche Art und Weise erteilt. Kurz bevor das ganze Corona-Thema so richtig heiß wurde, durfte ich mit meinem Mann an einer 2,5 wöchigen Indienreise teilnehmen. Es war, man kann es nicht anders nennen, eine Luxus-Reise. Wir waren in einer Gruppe unterwegs und unser Reiseveranstalter stammte aus der indischen Königsfamilie. Er war bestrebt uns das Schönste und Beste seines Landes zu zeigen und alles daran zu setzen, dass wir uns rundum wohl und verwöhnt fühlen. Wir waren in komfortablen 5-Sterne-Hotels untergebracht, haben 3x am Tag ein köstliches Buffet in den besten Restaurants genossen, hatten ein reichhaltiges Programm und waren an sensationellen Orten. Von prunkvollen Maharadsha Palästen und beeindruckenden Tempeln, (bei denen man sich fragt, wie Menschen vor Hunderten von Jahren so etwas Kunstvolles mit einfachsten Mitteln erbaut haben während wir mit unserer modernen Technik nur noch viereckige Glas- und Betonkästen hinbekommen) über die kristallklaren Flüsse des Himalayas, hin zur Wüste, in der man sich der Erde so nah fühlt und in der wir ein eigenes Zelt mit Dusche und Toilette hatten. Unser Abschluss Gala-Abend fand auf einer Insel statt, auf der sonst die Reichsten der Reichen aus Indien Hochzeiten und andere Feste feiern. Kurzum, wir waren umgeben von Fülle, rundum versorgt und es fehlte uns an nichts.


Wir kehrten aus Indien zurück drei Tage bevor in Bayern die Ausgangsbeschränkungen verhängt wurden. Sprich auf einmal waren wir nur noch zu Hause, durften selbst kochen, haben Niemanden gesehen und unsere Arbeit ins Home Office verlegt. Unsere Familie und Freunde fragten uns am Anfang, ob das nicht ein Schock für uns sei, dieser krasse Gegensatz.


Ehrlich gesagt, war es seit dem ersten Tag eine Wohltat. Nicht, dass es nicht auch schön ist, ab und zu mal ein bisschen Luxus zu genießen – aber ich habe festgestellt, ich „brauche“ es nicht. Meine Erfahrung ist, dass in diesem einfachen Leben, wie ich es durch die vielen äußeren Einschränkungen gerade führen darf, eine viel größere, eine für mich vor allem viel fühlbarere Fülle liegt als in Prunk und Glamour. Diese Einfachheit bringt einen Blick und eine große Dankbarkeit für die wirklich wichtigen Dinge im Leben mit sich: mein schönes Zuhause, dass ich von Natur umgeben bin, dass ich Zugang zu sauberem Wasser und guten Nahrungs


mitteln habe, dass mein Mann und ich die gemeinsame Zeit auch nach 4 Wochen zu Hause immer noch genießen, dass ich Freunde habe, mit denen ich mich verbunden fühle auch wenn wir uns nicht sehen, und dass ich in einem Land lebe, in dem kein Krieg herrscht und in dem ich mich als Frau frei bewegen kann.



Die Sehnsucht nach mehr Langsamkeit

In mir war schon lange eine Stimme, dass mein Leben zu schnell und zu voll ist. Und nicht nur meines. Wie viele der Menschen in meiner Umgebung waren einfach erschöpft und gestresst von einem engen Wochenprogramm. Früh aufstehen, arbeiten gehen, einkaufen, kochen, für die Kinder da sein, mit dem Partner ein paar Worte wechseln, abends vielleicht noch eine Stunde eigenen Interessen nachgehen und todmüde ins Bett fallen – das ist das Leben, das viele führen. In mir war immer wieder der Satz: „So kann das Leben doch nicht gedacht sein“.


Immer wieder verspürte ich diese Sehnsucht nach mehr Langsamkeit, nach mehr Raum im Sinne von unverplanter Zeit. Und natürlich weiß ich, dass es vor allem an mir selbst liegt, wenn meine Tage so dicht sind und ich so viel unterwegs bin. Gleichzeitig habe ich keinen Weg gesehen wie ich das über eine längere Zeit ändern kann, da es sich augenscheinlich bei allem um Dinge handelte, die mir wichtig waren. Nun hat mir das Leben das große Geschenk gemacht und einfach alle Termine aus meinem Terminkalender mit einem Schlag gestrichen. (Plus mir durch Home Office täglich zwei Stunden freie Zeit geschenkt, die ich sonst für den Arbeitsweg benötige.) Und siehe da, es fehlt mir (fast) überhaupt nichts.



Die Wohltat des einfachen Lebens


Während ich in Gedanken gestern schon mit diesem Artikel beschäftigt war, viel mein Blick auf meine Visionscollage. Ein großes Plakat voller bunter Bilder und Wörter wie ich mir mein Leben wünsche. Normalerweise fertige ich zu Jahresbeginn immer eine neue an, aber dieses Jahr hatte ich noch nicht den Impuls dazu. Nun siehe da, in der unteren rechten Ecke lachten mich die Worte an „Die Wohltat des einfachen Lebens“.

Ich hatte sie bis dahin total aus dem Blick verloren.


Wie äußert sich diese Wohltat für mich: zuallererst in einem Gefühl von tiefer Zufriedenheit, wie ich sie lange nicht mehr gefühlt habe. Zudem in mehr Lebendigkeit, einem feineren Körpergefühl und einer größeren „Wachheit“. In diesem einfachen Leben bringen einfache Dinge auf einmal so viel Freude: neue Kochrezepte ausprobieren, meine Mittagspause schaukelnd in der Hängematte verbringen, den zwitschernden Vögeln lauschen (haben die sich dieses Jahr verdoppelt!?) und staunend beobachten wie schnell die grünen Blätter sprießen. Was für ein Genuss es ist morgens noch eine halbe Stunde im Bett liegen bleiben zu können und ganz in Ruhe den Tag mit meinen Morgenritualen zu beginnen. Was für eine Freiheit liegt darin meine Arbeitszeit etwas flexibler gestalten und meinem eigenen Rhythmus anpassen zu können. Und was für ein Luxus ist es eine Dusche zu haben, aus der jederzeit warmes Wasser kommt.


Kennst du diese Momente, wo du weißt, du „solltest“ eigentlich Freude empfinden über etwas, aber du „denkst“ die Freude nur, du fühlst sie nicht wirklich? In dieser Einfachheit kann ich wirklich wieder Freude fühlen über so viele „Kleinigkeiten“ und vor allem darüber am Leben zu sein.



Das "ich brauche" verschwindet


Eine sehr interessante Beobachtung ist auch, dass sich das Gefühl von „ich brauche“ aufgelöst hat. Vielleicht kennst du Gedanken wie „ach, ich bräuchte noch ein Sommerkleid, oder neue Unterwäsche oder neuen Nagellack….“ oder was man halt gern mal so shoppt. Oder ich bräuchte mehr Geld, um noch dieses Seminar belegen zu können oder diesen Urlaub zu machen.


Dadurch, dass diese Möglichkeiten (Onlineshopping zieht bei mir gar nicht) gerade alle wegfallen, fällt wundersamer Weise auch dieser Drang von „Haben-Wollen“ weg. Ich habe schon oft beobachtet, dass wenn ich in Läden shoppen gehe (was max. 2x im Jahr vorkommt, ich bin sonst passionierter Flohmarktliebhaber) diese große Auswahl ein Gefühl von Mangel entstehen lässt. Urplötzlich werden tausend Wünsche geweckt, die vor Betreten des Ladens noch nicht da waren. Jetzt fühle ich mich dankbar und zufrieden mit dem, was ich habe. Im Gegenteil, es steigt das Bedürfnis einmal radikal „auszumisten“. Fazit: Eine Angebotsflut ist gar nicht so hilfreich, denn sie verleitet dazu, den Blick auf das zu lenken, was wir alles nicht haben anstatt auf das, was wir schon haben. Zweites Fazit: wenn wir uns im Innen satt und erfüllt fühlen, dann sinkt auch der Drang „Fülle zu kaufen“.


Noch ein Geschenk, dass in diesem einfachen Leben liegt, dass ich nicht missen möchte mit euch zu teilen. Viele Dinge verlieren ihre Dringlichkeit. (Also meistens, manchmal klopft auch eine ungestüme Ungeduld an und ruft mir zu, ich müsse hier jetzt endlich was vorwärts bringen.) Eine Freundin sagte neulich zu mir: „Ich hatte sonst immer das Gefühl, ich muss an mir arbeiten. Jetzt kann ich die Dinge einfach mal geschehen lassen.“ Sie sprach mir aus dem Herzen.


Ich bin sicher, diese Erfahrung, welche Fülle in einem einfachen Leben liegt, ist und wird eine wichtige Lektion bleiben. Denn wir alle wissen, dass der Lebensstil der meisten von uns „Westlern“, inklusive mir, mehr Ressourcen unserer Mutter Erde verbraucht als uns „zur Verfügung“ stehen. Laut einem aktuellen Bericht von Statista bräuchten wir drei Erden, wenn jeder Mensch weltweit den gleichen Lebensstil pflegen würde wie wir Deutschen.


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